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Worte

Der Wintergarten2018-11-28T21:19:11+00:00

Der Wintergarten

von Michael Heger

„Du, schau mal! Ich glaub, da hat sich einer in den Garten geschlichen.“

Die Frau stand am Fenster, wo sie mit zwei Fingern die Gardine zur Seite geschoben hatte und hinausspähte. Der Mann saß mit hochgelegten Füßen auf dem Sofa, in einer Hand ein zerlesenes Taschenbuch, in der anderen eine Tasse Kaffee, der Raum beschallt von den Arien aus La Bohème.

„Nun komm doch mal her, Stefan!“

Er seufzte, legte sein Buch auf den Sofatisch, die Tasse daneben, stand betont schwerfällig auf und schlappte ans Fenster. Wer oder was es auch immer war da draußen, er würde ihm gehörig den Kopf waschen. An seinem freien Tag!

„Siehst du’s?“

Die ganze Woche in der Gaststätte seiner Eltern, im modrigen Mief der 70er, von Dienstag bis Sonntag, morgens früh um sieben bis nachts, wenn sich die letzten Galgenvögel endlich nach Hause bequemten.

„Wo? Ich seh nix.“

Solange hier mein Bier ausgeschenkt wird, habe ich auch zu bestimmen, wie oft war er über diesem Spruch seines Vaters verzweifelt. Er hasste den Winter. Kälte zum Füße abfrieren oder Schmuddelwetter zum Abgewöhnen und tagein, tagaus einen auf folgsamen Sohn machen. Außer montags. Seinem freien Tag.

„Na dort, beim Pavillon!“

Natürlich hatte er ihn sofort gesehen. Es war doch sein Biergarten. Ein Blick genügte, und er wusste immer, was Sache war. Das war seine beste Idee gewesen, dem Vater den runtergekommenen Biergarten abzuschwatzen. Neue Küche, schicke Ausgabe, Musikbühne, von den Garnituren übers Essen alles von hier, keine Einheitspampe, Tradition ohne Staub. Woanders starben die alten Keller und Biergärten, er hatte einen wiederbelebt.

„Da hockt doch einer, oder nicht?“

Er nickte unmerklich, ging in den Flur, zog sich Jacke und Schal an, setzte seine Mütze auf und öffnete die Haustür.

„Ich geh mal gucken, Theresa! Bleib du hier.“

Im Warmen, wollte er noch ergänzen, aber da überfiel ihn schon die Kälte, kaum dass er die Haustür geöffnet hatte, und er hielt lieber den Mund. Das letzte was er von drinnen hörte war die sterbende Mimì im Duett mit Rodolfo. Vorbei. Bläuende Kälte und tristes Graubraun der laublosen Bäume.

„Gib Obacht. Wer weiß, was das für ein Spinner ist!“

Gleich hinter dem kleinen Vorplatz begann der Biergarten. Die Leere der Fläche drückte ihm augenblicklich aufs Gemüt. Kein Tisch, keine Bank, keine Stühle, alles abgedeckt, geschlossen, verrammelt, winterdicht. So konnte er quer zu den Reihen durch den verlassenen Garten laufen, beinahe lautlos, über den festgefrorenen Kies. Er liebte das verheißungsvolle Knirschen des hellen Kies unter den Füßen im Sommer, ein endloses Rauschen, wie am Meer, wenn hunderte von Schritten das Rauschen am Leben hielten, das Thema zum Grundton des Stimmengewirrs und dem Klinken der Krüge, mit den solistischen Einwürfen von Kinderrufen, aufbrausendem Lachen, hellem Frauensopran und dem Donnern männlicher Bässe. Ja, wenn nur wieder Sommer wird.

„Wie bist du denn hier reingekommen?“

Der Mann blickte kaum auf, als sich Stefan neben ihn auf die Bank im Pavillon setzte. Schwarzer Wintermantel, endlos um den Hals geschlungener Schal und schiefe Mütze mit einem kindischen Bommel, so saß der Mann am Tisch, die Ellbogen aufgestützt, der Blick ins Leere.

„Habt ja euren Zaun immer noch nicht repariert.“

„Und was machst du hier?“

„Er ist wieder da.“

„Schlimm?“

Der Mann atmete tief ein und blies die Luft mit vorgezogener Unterlippe schräg nach oben in die Kälte, eine weiße Wolke wie ein Rauchzeichen.

„War heut beim Doc. Morgen ist OP. Aber … ist zu spät diesmal. Die Biester sind überall.“

„Scheiße!“

Eine ganze Weile saßen sie schweigend nebeneinander. Auf einmal hörte man das Aufreißen eines Fensters.

„Alles in Ordnung, Stefan? Soll ich die Polizei rufen?“

„Nein!“

Er brüllte quer durch die Kälte, das tiefe Atemholen schmerzte bis in die letzten Winkel seiner Lunge.

„Es ist nur der Matz!“

„Wer?“

„Der M A H A T Z!“

Das Fenster knallte wieder zu.

„Und jetzt?“

„Ach, lass mich einfach ein bisschen sitzen. Hier, im Garten. Nur so. Um der alten Zeiten willen. Den nächsten Sommer, den …“

Er schüttelte den Kopf und schaute in den weißgrau verhangenen Himmel.

Stefan blickte auf das alte Fachwerkhaus mit der Küche und der Essensausgabe, daneben der Eingang zum Felsenkeller, sein Ausschank. Alles schlief nur und würde im Sommer wieder zum Leben erwachen. Wie viele Sommer hatte er mit Matz und den anderen hier verbracht? Der Matz, der war fast jeden Tag hier, nach der Arbeit, als er noch eine hatte, am frühen Abend, um die Kumpels zu treffen, und am späten Abend, um die Nacht zu vertreiben. Wenn alle weg waren, tranken Matz und er noch das letzte Bier.

„Also gut, bleib noch ein bisschen. Ich muss … du weißt … immer im Dienst, wenn Papa ruft …“

„Ja, ja, geh nur, Stefan. Und dank Dir recht schön … für alles.“

„Ist schon gut, Matz. Ich sperr‘ dir das Tor auf, okay?“

Behutsamen Schrittes ging er zurück ins Haus, aber kaum dass die Tür ins Schloss gefallen war, riss er Jacke und Mütze von sich und stürzte in sein Büro.

Eine Stunde war vergangen, da erhob sich die einsame Gestalt im Biergarten, blickte sich noch einmal um und ging mit schweren Schritten zum eisernen Tor, das Stefan angelehnt offen gelassen hatte.

Als er das Tor hinter sich schließen wollte, klopfte ihm eine Hand auf die Schulter.

„Ja, Matz, was machst denn du da? Ist beim Steffel offen heute? Super Sache!“

Der Mann riss sich die Handschuhe von den Händen und pfiff auf zwei Fingern. Da erkannte man vier Menschen, die von oben vom Berg auf das Tor zukamen, und von unten vom Parkplatz kamen nochmal fünf. Als sie nahe genug herangekommen waren, erkannte Matz all seine Stammtischfreunde. Schwer bepackt waren sie, mit Körben und Beuteln, dick eingemummelt in Winterjacken, mit Decken unterm Arm und Sitzpolstern.

„Wenn der Steffel sein Tor offen lässt und der Matz eh schon da ist, dann stürmen wir jetzt die Bude.“

Sie drängten Matz, der noch kein Wort gesagt hatte, wieder in den Biergarten und fingen an, einige Tische von Herbstlaub und Zweigen zu befreien, stellten sie zusammen, breiteten Tischdecken aus und leerten ihre Körbe. Ein Topf mit dampfenden Kartoffeln, Wurst und Käse, Gerupfter, Schinken, kalter Braten, saure Gurken, Brot und Baguette, Tomaten, Zwiebeln, Rettich, Salz und Eier setzten dem Graublau des Wintertages unter dem hölzernen Dach des Pavillons eine Insel buntes Allerlei entgegen.

„Mensch, jetzt fehlt bloß noch das gute Bier vom Stefan.“

Im selben Augenblick wurde der Rollladen am Ausschank mit einem lauten Ratsch nach oben gezogen, in der Küche ging das Licht an und Stefan kam hinter der Theke hervor, die Schürze um die dicke Daunenjacke gebunden, darin der Schlegel, und hievte ein Holzfass auf die Ausgabe.

„Hey, ich habe noch ein Fass vom Weihnachtsbock gefunden!“

Mit lautem Gejohle wurde diese Botschaft begrüßt, während Stefan ihre Krüge auf einem großen hölzernen Tablett herbeitrug.

Der saubere Anstich wurde mit neuerlichem Jubel quittiert, und kurze Zeit später standen die gefüllten Krüge auf dem Tisch. Stefan sah zufrieden in die Runde.

„Na, dann wären wir doch alle wieder beisammen. Saisoneröffnung! Prost!“

Hatte Matz das Theater bisher mit Stirnrunzeln begleitet, ohne ein Wort gesagt zu haben, hob er nun zum Protest an, wurde aber zunächst durch das Zuprosten der anderen davon abgehalten. Mehr als ein Räuspern kam nicht heraus nach einem Schluck des kühlen starken Bieres. Dennoch meldete er sich erneut zu Wort.

„Mal Ruhe, der Matz möchte was sagen!“

Das Geplapper verstummte. Es wurde still. Auf einmal war es wieder Winter im Biergarten. Kalt. Grau. Alle schauten Matz an. Allen fiel ein, weshalb sie hier waren. Froren. Schwiegen. Matz sah sie alle der Reihe nach an. Zum Schluss ruhte sein Blick auf Stefan. Lange. Schließlich schüttelte er sich und sagte:

„Boa ey, bringst du mir mal einen Bierwärmer?“

Das ausgelassene Gelächter war bis ins Dorf zu hören und die Krüge hüpften auf den Tischen.

Stefan holte Holz von der Kastanie, die er im vergangenen Sommer hatte fällen müssen und entzündete ein Feuer, direkt vor dem Pavillon. Der Grill wurde angeschürt und bald duftete es nach Holzkohle, Rauch und Fisch. Während die Forellen mit dem Feuer um die Wette zischten, kamen zwei Männer mit großen Taschen herein, setzten sich an den Tisch und packten Akkordeon und Klarinette aus. Sie vollendeten diese symphonische Dichtung aus Musik, dem Knacken der Holzscheite, den Geschichten und Anekdoten, dem Prahlen und Hochstapeln, empörtem Gelächter und Johlen, dem Klinken der Steinkrüge, dem Klappern des Geschirrs und – Stefan musste lächeln, als er es wahrnahm – rund um das Feuer knirschte sogar der Kies, wie es sich gehörte.

Als es schon dämmerte, mitten in einem Schottisch, stand Matz auf, klopfte zweimal auf den Tisch, brachte seinen Krug zur Theke, nickte Stefan zu und ging.

Im Frühjahr pflanzten sie an Stelle der alten Kastanie eine Linde in den Biergarten. Ein kleines Messingschild an einer Kette hing daran:

Gehen, wenn’s am schönsten ist

In Erinnerung an Matthias „Matz“ Pleinfelder


Sehr gefreut habe ich mich damals über die Laudatio zu meiner Geschichte:

Laudatio zweiter Preis

„Die Kurzgeschichte, der wir den 2. Preis verliehen haben, spielt nicht in der Jahreszeit, die man für gewöhnlich mit dem Besuch eines Biergartens verbindet. Statt Sommer, Stimmengewirr, Lachen und Kinderrufen herrscht Kälte, die Tische und Bänke sind weggeräumt, der Kies ist fest gefroren. Dort sitzt nun zu dieser untypischen Jahreszeit einer, der die Aufmerksamkeit des Biergartenbesitzers, seiner Frau und auch die des Lesers erregt; jemand der wohl schon seit Jahr und Tag von Frühling bis Herbst hier seine Freunde trifft und schon fast da zuhause ist.

Warum er jetzt, mitten im Winter dort sitzt und wie sein Freund, der Biergartenbesitzer, reagiert, erzählt die Geschichte bildhaft, eindrücklich, nah an einer bitteren Realität und doch gleichzeitig mit einer gewissen Leichtigkeit im Grundton. Der Autor nimmt den Leser  mitten hinein in die Szene: vom gut geheizten Wohnzimmer hinaus in den winterlich verschlossenen Gastbereich.

Was dann dort passiert, ist ein Beweis echter Freundschaft, ein beispielhaftes Zeichen von  Mitmenschlichkeit und Emphatie, die keiner großen Worte bedarf.  Ein eigentlich sehr trauriger Anlaß wird zu einer Feier des Lebens und im Biergarten wird es trotz der Außentemperatur sommerlich-heiter. Nur an einer Stelle, als der traurige Anlaß in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rückt, wird es kurzfristig wieder winterlich und still – dann vertreibt ein Satz und das darauffolgende Lachen die Schwere.

Wir in der Jury haben darüber nachgedacht, warum so viele der eingereichten Geschichten melancholisch bis tragisch sind und sich auffallend häufig mit dem Tod beschäftigen, obwohl man mit dem Begriff „Biergarten“ spontan doch viel eher Heiterkeit, ungezwungenes Zusammensein, sommerliche Lebensfreude  assoziiert. Macht der Biergenuß depressiv? Ist Unglück als Thema dankbarer als Glück? Oder ist Unglück leichter in Worte zu fassen als umfassendes großes atemraubendes Glück? Können wir uns mit  Protagonisten, die leiden, leichter identifizieren? Oder geht es viel mehr – wie in dieser Geschichte – darum, trotz oder vielleicht sogar wegen einer persönlichen Tragödie einen glücklichen Moment zu erkennen und ihn gemeinsam voll auszukosten.

Die beschriebene Szene hat uns bewegt und ist uns bei den vielen Geschichten, die wir gelesen haben, nachhaltig im Gedächtnis geblieben. Isabel Allende sagt: Für mich ist eine Kurzgeschichte wie ein Pfeil; sie muss von Anfang an richtig ausgerichtet sein und Sie müssen genau wissen, wohin Sie zielen.“  Das Ziel der Geschichte ist nicht nur der wehmütige Schluss – das Wort Wehmut gefällt  mir in dem Zusammenhang besonders gut, weil es sowohl Schmerz als auch Mut beinhaltet – sondern ganz bestimmt auch das Herz des Lesers.

Der zweite Preis geht an Michael Heger für „Der Wintergarten“

Laudatio von Monika Sofie Schunigl, Stadtbibliothek Nürnberg, Jury-Mitglied beim Kurzgeschichtenwettbewerb des ars vivendi Verlags.