Notizbuch

//Der Gesang des Dönermanns

Der Gesang des Dönermanns

Ein Dönerladen in Thüringen. Drei Minuten von der Autobahn weg, in einer Art Gewerbegebiet. Nebenan das Busdepot. Gefunden über google, weil alle Hunger hatten und uns klar wurde, dass wir zu spät in der Unterkunft ankommen würden, um dort noch etwas zu essen zu bekommen. Also sind wir abgefahren. Urlaub. Vorfreude. Auf dem Weg nach Rügen. Alle zusammen. Zeit, Ruhe, Natur, Meer, Strandfußball, Wind, Wellen, Kreidefelsen im Kopf.
Aber jetzt erst einmal akut und vorausschauend Hunger. Gefunden, geparkt und rein. Überraschend voll, Schlange draußen, Schlange drinnen. Und dann er. Er ist sofort präsent. Er ist die Seele des Ladens. Nein, Seele trifft es nicht. Er ist der Motor, das ist es eher. Er schmeißt den Laden. Schlank, grau-schwarzes kurzes Haar, vielleicht Mitte fünfzig, freundlich, aber nicht übertrieben. Geschäftig und bestimmt nimmt er die Bestellung auf. Sobald alle gesagt haben, was sie wollen, legt er los. Ein Redeschwall in rasender Geschwindigkeit in einem irren dialektalen Mix aus Deutsch, Thüringisch und Deutsch-Türkisch ergießt sich über seine zwei Kollegen, die in der Küche arbeiten. Die Küche ist nicht größer als eine studentische WG-Küche und direkt hinter dem Tresen. Direkt neben ihm. Sie stehen so eng beieinander, dass sie flüstern könnten und trotzdem alles verstehen würden. Aber er? Er redet in einer Lautstärke, als müsste er die Brandung im Ostseesturm übertönen. Als sei er in einer Dreisternegroßküche und müsste den Austrag des zweiten Gangs für eine Hundertschaft Festgäste kommandieren. Seine singende Stimme schwingt in einem engen, hohen Melodieband und gibt den Auftrag weiter, obwohl die Kollegen schon im Moment der Bestellung mitbekommen haben, was gewünscht wurde, so nah stehen sie beieinander. Er sieht sie auch nicht an, er singredet an die Decke über dem Tresen. Er wiederholt alles genau, gibt Anweisungen für die Reihenfolge, zählt die Änderungen auf und endet mit einem motivatorischen Kick! Vielleicht eine Minute Gesang, ja, eine Art Hymne, klar, rhythmisch, pfeilschnell, und bei aller Bestimmtheit warm und angenehm. Später, seine Jungs sind bei der Arbeit, feuert er an, gibt noch einmal alles in diesen Gesang hinein. Die Stimme, seine Stimme, verwandelt das erwartet karge Plastikstuhl-Ambiente der Dönerbude im Gewerbegebiet abseits der Autobahn um halb neun in etwas Größeres. Die Stimme amüsiert, überrascht, gewinnt. Gewinnt einen für diesen Menschen. Es ist sein Laden, daran besteht kein Zweifel. Er lebt das. Auch wenn es nur eine Dönerbude ist. Er führt sie wie ein Meister seines Fachs. Stolz und Freude. Es ist so einfach, und doch so schwer. Mit einem Lächeln und ein paar Worten der Anerkennung verlassen wir den Laden. Irgendwie wünsche ich ihm ein gutes Leben. Was für ein Auftakt, eine kleine Erinnerung, die wir lange teilen werden.

© Michael Heger, Bamberg, im November 2018

By |2019-02-02T23:57:18+00:00Mittwoch, 28 November, 2018|Schreibereien & Co.|