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Worte

1919 – Leseprobe2018-11-28T21:16:32+00:00

Ein Blick ins Buch, an den Anfang der Geschichte

 

BAMBERG, 7. APRIL 1919

Gustav erkennt ihn sofort. Der Mann steht breitbeinig im Eingang der Gaststätte und sieht sich nach einem freien Platz um, in der Linken einen Lederkoffer, in der Rechten einen Regenschirm, den grauen Homburg tief in die Stirn gezogen. Gustav steht am anderen Ende des Raumes hinter der Theke, gerade hat er dem alten Nickel einen Bierwärmer in den Krug gehängt und das volle Tablett aufgenommen, um den Stammtisch hinten im Eck zu bedienen. Jetzt aber starrt er wie versteinert auf den Mann. Er kann es nicht glauben, er will es nicht glauben. Der hier? Dann reißt es ihm plötzlich beide Augen weit auf, sein Kopf zuckt nach links, die Finger versteifen sich und schon rauscht das Tablett mit sieben vollen Bierkrügen senkrecht nach unten. Die Krüge zerspringen mit einem dumpfen Knall, Tonscherben und Bier verteilen sich über die hellen Kacheln am Boden. Mit dem Knall geben auch Gustavs Knie nach. Er fällt, von Zuckungen geschüttelt, zu Boden und stößt mit dem Kopf gegen das Spülbecken. Mistkerle, jetzt haben sie uns erwischt, Achtung, noch ein Einschlag, zurück in den Graben! Duckt euch, runter, runter, Granaten überall, die decken uns zu mit ihren Geschossen. Es blitzt, ich muss in Deckung. Einschläge, links und rechts. Johann, wo bist du? Kein Schutz, nirgends, alles überflutet, nur Schlamm. Willy, komm! Hier, dieser Bretterverschlag, besser als nichts, mach dich so klein wie möglich! Sie schreien von überall her, die Elenden. Bin ich auch verletzt? Im Kopf, da wummert es, die Hand ist nass, ich blute, Mist. Das Ende? Alles bebt, Blitze im Kopf, jemand rüttelt mich, schreit mich an, ein Schlag, schon wieder getroffen, nein, das war … kein Geschoss …, das war …, alles gut …, das war eine … eine Ohrfeige, nur ein Backenstreich. Der reißt mich an den Haaren, zerrt mich aus dem Loch, schubst mich, tritt mich, der Bretterverschlag öffnet sich, hindurch, am Boden, nur weg von hier, weg von den donnernden Einschlägen. Sie werden leiser. Wer schreit denn da so? Hans, Kaspar, seid ihr verletzt? Nein, nein, es ist … es ist nur der Vater, der schreit, der so schreit, der Vater, ich bin zuhause, es ist nichts. Nichts. Der Krieg … der Krieg ist nicht mehr, aus ist er. Aber ich kann meine Hände nicht halten, sie zittern, unaufhaltsam. So hilf mir doch einer.

Er hängt über einem Stuhl in der Stube, Babette kniet neben ihm und hält ihn fest, der Vater steht über ihm, schimpft, eine Kanonade an Beschimpfungen, verletzend, gemein, derb. Aber es sind nur Worte. Die töten nicht, die treffen ihn nicht. Nicht mehr. Allmählich verringert Babette den Druck, lässt ihn wieder los, die Zuckungen gehen zurück, der Körper beruhigt sich, der Geist kehrt langsam wieder. Der Vater stampft zurück in die Gaststätte, wutentbrannt, schimpfend, kopfschüttelnd.

Der Mann. Dieser Mann. Das …, das war er doch. Oder nicht? Das kann nicht sein. Wieso hier? Der hat überlebt? Dieses Schwein? Wieso überleben immer die Falschen? Wenn jetzt der Kaspar da wäre, oder der Willy, und Hans. Die würden Augen machen. Die Haare stimmen nicht, und der kleine Schnauzer, aber dieses feiste Gesicht, unverkennbar, der Schmiss an der Schläfe, der protzige Gang, der gedrungene Körper, alles wie damals. Nur am falschen Ort. In der falschen Stadt. Und zur falschen Zeit. Nachkriegszeit. Und der lebt. Das Schwein lebt, immer noch.

»Alles wieder gut?«, fragt Babette, seine Frau, und tupft ihm mit einem Tuch das Blut vom Gesicht, nur ein kleiner Kratzer. »Musst halt doch mal wieder rauf in die Irrenanstalt, zur Behandlung.«
Nach St. Getreu? Nein, nicht schon wieder. Es wird ja doch nicht besser. Davon nicht. Es blitzt noch einmal durch das Hirn, er reißt die Augen wieder auf, ein letzter, ferner Einschlag, dann ist es endgültig still in ihm.
»Da war … da war dieser Mann, Babette, der gerade reingekommen ist. Hast du den gesehen?«
Babette öffnet die Tür zur Gaststube einen Spalt weit und linst hindurch. »Den vorne am Fenster? Volles braunes Haar, ziemlich dick, ziemlich klein, rotes Gesicht, Brille, Schnauzer? Was ist mit dem?«
»Der …, im Krieg, war der, der hat den …, weißt du, das war … unser …, also, ich glaube, das war einer von damals, von denen.«
Babette stöhnt und schlägt die Hände über dem Kopf zusammen. »Ach, Gustav, du kannst doch nicht bei jedem, den du im Krieg mal gesehen hast, gleich zusammenbrechen. Dein Vater war wieder fuchsteufelswild, der hätte dir die kaputten Bierkrüge und sein heiliges Bier am liebsten gleich noch obendrauf geschmissen, als du unter der Theke gelegen bist. An den Haaren hat er dich hier rüber gezerrt. Er schämt sich so vor seinen Gästen. Gustav, wie soll das weitergehen? Du bist schon dreißig, so überschreibt er uns die Brauerei nie. Der Krieg ist vorbei. Wann ist er denn endlich auch bei dir vorbei?«
»Ich muss ihn noch einmal sehen. Lass mich schauen.« Dem Mann ist der ganze Lärm offenbar entgangen, er hat sich in aller Ruhe einen freien Platz gesucht und sich ans Fenster, nahe der Tür gesetzt. Gustavs Vater bringt ihm gerade ein Bier. Als Gustav den Mann durch den Türspalt noch einmal ansieht, verschwindet der letzte Zweifel. Er ist es. Auch wie er dasitzt, mit weit gespreizten Beinen, düster dreinblickend, beide Ellbogen aufgestützt, wie er gierig trinkt und sich mit dem Ärmel den Schaum vom Mund abwischt, genau wie damals. Wie ein böser Traum. Das Schwein. Es lebt.
Gustav schließt die Tür. Er schwitzt. Sein Rücken ist nass. Ihn friert. »Ich kann da nicht raus, Babette. Ich muss weg, weg. Ich kann den nicht treffen, das geht nicht.« Er reißt sich die Schürze vom Leib, wischt sich das Gesicht damit ab, hängt sie an den Haken und stürzt zum Hinterausgang. »Und was soll ich deinem Vater wieder erzählen, wo du hin bist?«, ruft ihm Babette hinterher, aber er hört sie schon nicht mehr. Weit weg sind seine Gedanken, weit weg sein Körper, er spürt die Kälte der feuchten Erde, der Magen verkrampft sich, das Hungergefühl und dieser bestialisch süßliche Gestank nach nasser Erde und den Verwesenden, sie wühlen seine Gedärme auf, es drückt nach oben, er lehnt sich gegen die Hauswand im Hinterhof und kotzt vor sich auf den Boden. Noch während es ihn würgt, beschließt er, ihm zu folgen. Er muss wissen, was er hier will. Er muss es wissen. Und dann muss er den anderen Bescheid geben. Hans, Kaspar und Willy. Die müssen das wissen, dass der lebt. Die müssen …, das geht nicht, dass der lebt, das darf nicht sein.

Gegenüber der Domstern-Brauerei ist das Weiße Lamm. Ohne zu grüßen und ohne den Eingang zur Brauerei aus den Augen zu lassen, rückt er sich einen Stuhl ans Fenster, zieht den Vorhang zur Hälfte zu und bestellt einen Kaffee. »Alles in Ordnung, Gustav?«, fragt die Bedienung. »Du bist ja ganz weiß im Gesicht, wie wenn du ein Gespenst gesehen hättest.«
»Ich wünscht, es wär so, Anna, ich wünscht, es wär so«, murmelt Gustav.

Er muss fast eine halbe Stunde warten. Der Kaffee beim Weißen Lamm ist sogar echter Kaffee, kein Gerstenkaffee oder Muckefuck, wie ihn seine Mutter seit Kriegsbeginn kocht. Entsprechend peitscht der heiße Kaffee seine Sinne so auf, dass er gespannt ist wie die überzogene Saite einer Geige, die jeden Augenblick zu reißen droht. Als der Mann endlich rauskommt, ist Gustav völlig verschwitzt. Er fährt sich mit der Hand über den Kopf, die Haare, kurz und grau seit dem Krieg, sind tropfnass, seinen Hut hat er in der Brauerei vergessen. Kalter Schweiß läuft ihm unterm Hemd den Rücken hinunter, der Schnurrbart klebt platt auf der Haut. Er erhebt sich, bewegt sich schwerfällig Richtung Tür, wie im Fiebertraum, wirft Anna, die ihn besorgt ansieht, ein paar Groschen in die Hand und tritt vorsichtig hinaus. Der Mann ist nach links abgebogen und geht die Königstraße Richtung Theuerstadt entlang. Erst jetzt sieht Gustav, dass er einen Koffer dabeihat, einen braunen Lederkoffer mit Metallbeschlägen, edles Material, von besseren Leuten. Er trägt einen langen Mantel und einen Seidenschal, den schicken Homburg und gepflegte Lederschuhe. Auf einmal fällt Gustav auf, dass sich ungewöhnlich viele Menschen in der Stadt bewegen. Sie scheinen vom Bahnhof zu kommen und streben der Stadt zu. Alle sind vornehm gekleidet und tragen Koffer, auch die Pferdedroschken und Automobile sind voll besetzt, haben riesige Kofferaufbauten auf dem Dach, auf den Droschken sitzen Kofferjungen mit auf dem Bock. Kommen denn die Leute jetzt schon zur Sommerfrische nach Bamberg? Mitten im April? Leichter Nieselregen vergällt den Besuchern wohl den ersten Eindruck, sie betrachten die vierstöckigen Stadthäuser links und rechts mit ihren abblätternden Fassaden mit kaum verhohlener Hochnäsigkeit. Wohl eher Großstadt gewöhnt, diese Besucher. Gleichzeitig fallen ihm die vielen Soldaten auf, die in kleinen Gruppen durch die Stadt schlendern, Patrouillen, irgendein Freikorps in feldgrauen Uniformen. Das war doch gestern noch nicht so?

Verwirrt und verschwitzt stolpert Gustav dem Mann hinterher. An der Kreuzung zur Luitpoldstraße bleibt er stehen und sieht sich ein Schaufenster an. Gustav duckt sich schnell in den Hauseingang einer Bäckerei.
»Gott zum Gruße, Herr Grüner!« Ausgerechnet jetzt muss der Alte von der Brauerei Fässchen vorbeikommen. Gustav späht zu seinem Mann, aber der steht immer noch vor dem Schaufenster, hat sogar seinen Koffer abgestellt und blickt sich in aller Ruhe genüsslich um. Gustav drückt sich noch näher in den Hauseingang und ist jetzt Schulter an Schulter mit dem alten Lutz.
»Na, wollen Sie sich auch ein bisschen die Flüchtlinge aus München ansehen? Lauter honorige Leute, Minister, Ministerialbeamte und Staatsräte, die hier anreisen. Bei uns übernachten auch einige, das ganze Haus ist voll. Wir haben sogar eine Sonderzuteilung an Fleischmarken erhalten, damit wir den Herrschaften was Ordentliches kochen können. In fünf Minuten soll übrigens der Ministerpräsident ankommen, mit dem 16.20 Uhr Zug. Der hat sich gestern erst einmal in Nürnberg die Truppen gesichert. Aber die Bamberger werden sich auch nicht lumpen lassen und ihm ihre Loyalität schwören, da bin ich sicher. Der Garnisonsrat hat gleich ein paar der übleren Subjekte unter den Soldatenräten verhaften lassen, damit da nichts schiefgeht, wie ich gehört habe. Sollen ja bei uns nicht solche Zustände herrschen wie in München. Völlig außer Kontrolle dort, die Revolution. Aber ist zweifellos eine große Ehre für unsere Stadt. Wo die Bewerbung für die Nationalversammlung schon nicht geklappt hat, kommt jetzt immerhin die bayerische Regierung zu uns. Der Oberbürgermeister ist schon vorbeigefahren zum Empfang am Bahnhof, mit schwarzem Zylinder. Muss sein Büro im Alten Rathaus räumen für den Ministerpräsidenten Hoffmann, das hätte er sich auch nicht träumen lassen, der Wächter. Aber …«
Gustav nickt und lächelt gequält, hört kaum zu. Auf einmal nimmt der Mann seinen Koffer wieder auf und schlendert weiter Richtung Luitpoldstraße. Gustav lässt den alten Lutz grußlos stehen, was der mit einer hochgezogenen Augenbraue quittiert, bevor er seinen Redefluss einfach auf die Dame überträgt, die ebenfalls im Hauseingang dem Regen entflohen ist.
Gustav quert die Königstraße, muss zwei Automobilen und einer Droschke ausweichen, rempelt einen Weichensteller, der ihn wüst beschimpft, und übersieht die herannahende Trambahn, die ihn wild anbimmelt, so dass er zurückweichen muss und seinen Mann kurze Zeit aus den Augen verliert. Er springt hoch und sieht ihn durch die Fensterscheiben gerade noch in die Luitpoldstraße einbiegen. Als er hinter der Tram auf der gegenüberliegenden Straßenseite ankommt, halten ihn zwei Soldaten an. Einer stößt ihn an der Schulter, während der andere den Lauf seines Gewehrs auf ihn richtet.
»Wohin so eilig? Weisen Sie sich aus, mein Herr! Hier ist Sicherheitszone. Wir müssen alle verdächtigen Subjekte überprüfen, und Sie machen sich äußerst verdächtig, indem sie mit übergroßer Eile die Straße überqueren und dabei den Verkehr behindern. Also los, Ausweis!«
Gustav kramt panisch in seinen Taschen – der Mann ist außer Sichtweite – und fördert nur seinen verkrumpelten Entlassungsschein zutage. Der allerdings wirkt Wunder. Die beiden Soldaten beruhigen sich und klopfen ihm auf die Schulter. »Kamerad, du hast gedient wie wir, 5er, die wir hier alle stehen. Wir wollen nur sicherstellen, dass uns keiner die Früchte unserer Hände Arbeit stiehlt, und schützen die Regierung. Wenn du kannst, tritt wieder bei. Wir brauchen noch viele wie dich zum Schutze der gewählten Regierung.«
Der andere Soldat dreht Gustav den Rücken zu und flüstert dem ersten Soldaten etwas ins Ohr. Da gibt ihm der seinen Schein zurück, schneller als notwendig, und sagt, schon im Gehen, er möge sich doch weiter seiner Genesung widmen, das würde schon wieder werden, sie könnten nur einsatzfähige Soldaten gebrauchen.
Gustav achtet gar nicht auf ihn, überhört die Demütigung und stolpert blindlings, den Entlassungsschein noch in der Hand, zur Kreuzung. Sein Mann ist fort. Einen kurzen Moment zittert die linke Hand, pendelt hin und her, er nimmt sie in die rechte und donnert sie gegen die Hauswand. Blutig geschürft vom rohen Stein steckt er die zitternde Hand in die Rocktasche und rennt die Luitpoldstraße hinauf. Als er in die Gerade auf den Bahnhof zu einbiegt, sieht er ihn wieder, ganz vorne, er muss einen gehörigen Zahn zugelegt haben. Gustavs Beine drohen einmal mehr nachzugeben, er rennt im Zickzack, stößt mit den Platanen zusammen, mit den Hauswänden, mit Fußgängern, die ihn einen Hammel schimpfen. Jetzt sacken die Knie wieder weg und er fällt auf das Pflaster. Die Einschläge kommen näher, Geschützartillerie von rechts vorne, Knattern und Rattern. Sind das Tanks? Oh nein, bitte nicht! Tanks sind mörderisch, die fahren über dich drüber, Johann, die zermalmen zu Brei, was noch übrig ist von dir. Granate, Deckung! Er wirft sich ins Gebüsch, während die dunklen Tanks an ihm vorbeidonnern, neben ihm zwei Menschen, die »Hoch« rufen und Fähnchen schwenken. Was machen die da? Runter, Mann, runter! Er springt auf, reißt die beiden um und zieht sie in das Gebüsch.
»He, was soll das? Sind Sie irr? Man wird ja wohl noch dem Ministerpräsidenten aus München zujubeln dürfen. Gemeingefährlich, Mann, sowas sollte man einsperren.« Die beiden rappeln sich wieder auf, putzen sich ab und rennen den Tanks hinterher. Es sind Automobile, schwarze, die knattern, mit Menschen mit Zylinderhüten drin, schwarzen Anzügen und Zylindern. Ja, sie winken sogar. Keine Tanks. Gustav sitzt auf der Erde unter dem Busch, die Finger in den Boden gekrallt, Speichel fließt aus seinen Mundwinkeln. Er sieht den Fahrzeugen hinterher. Es ist der Korso des bayerischen Ministerpräsidenten, der soeben bei strömendem Regen am Bahnhof vom Bamberger Oberbürgermeister Adolf Wächter empfangen wurde und nun mit ihm zur Kaserne des Infanterieregiments fährt, um rund tausend Soldaten auf die einzig legitime, nämlich seine, Regierung einzuschwören. Von Bamberg aus will er den Kampf gegen die Räterepublik mit ihrem Zentralrat, die München kurzerhand übernommen hat, führen.
Der Mann, wo ist er hin? Gustav kriecht aus dem Gebüsch, die Leute starren ihn an, er versucht, in den aufrechten Gang zu gelangen, zieht sich am Stamm einer Platane hoch, wie betrunken. Das Zittern, immerhin, ist wieder weg, die Sicht ist noch vernebelt, aber er läuft weiter Richtung Bahnhof, Augen nach vorne, auch wenn er selbst immer wieder seitwärts schlenkert.
Anzügliche Bemerkungen von Passanten, Gelächter und Fingerdeuten bemerkt er nicht, dafür sieht er seinen Mann wieder. Er biegt nach links ab. Schnell einen Schritt zugelegt, laufen, schneller, hier muss es gewesen sein, Heiliggrabstraße. Er blickt angestrengt die Straße hinunter, aber sein Mann ist weg. Er ist doch links runter. So viel Vorsprung hat er nicht gehabt. Sollte er …? Direkt hier an der Ecke ist Liebs Hotel National. Klar, er hat doch einen Koffer gehabt.
Gustav geht die paar Stufen zum Hoteleingang hinauf, keuchend beugt er sich langsam, tastend, um die Flügeltür, da sieht er ihn auch schon. An der Rezeption. Besser gesagt, er sieht den Koffer und ein paar Beine mit braunen Lederschuhen und den Saum eines dunklen Mantels. Er wendet sich schnell wieder ab, taumelt um die Ecke und lehnt sich mit dem Rücken gegen die Hauswand. »Gute Verpflegung – mäßige Preise« wirbt das Hotel auf einem Schild über seinem Kopf. Gustav schließt die Augen und schnauft tief ein und aus – das sagen sie immer in St. Getreu, wenn alles andere wieder mal nicht geholfen hat, die Anfälle veratmen, an was Angenehmes denken, im Kopf schon das Zittern bekämpfen. Er versucht, an etwas Schönes zu denken, hat aber nur das Gesicht des Mannes vor sich, den er bis hierhin verfolgt hat. Und dahinter, hinter dem Gesicht, ist die verdreckte Welt des Schützengrabens, das breiige Braungrau des Todesstreifens, von Stacheldraht und Panzersperren durchsetzt, hier ein Arm, da ein Bein, die durchwühlte Welt, von innen nach außen gestülpt, ja ausgespien. Dann, allmählich erst, kommen die Köpfe seiner Kameraden ins Sichtfeld, erst Willy, der Rotschopf, er lacht und hat ein Brot und eine Flasche Wein unterm Arm, dann Hans, der Pferde-Michel, wie er auf einem Baumstumpf hockt und sein Pfeifchen pafft, Kaspar, der Tastenheini, mit geschlossenen Augen, den Kopf hin und her wiegend, ganz in seine Musik versunken, und schließlich Johann, der Johann, sein Johann. Er steht direkt vor Gustav und lächelt ihn an, in einer Korona des Lichts, er reicht ihm die Hand, geht auf ihn zu. Dann reißt das Bild ab, und Gustav öffnet die Augen, sackt nach unten und bleibt auf dem Gehsteig sitzen, den Kopf in die Hände gestützt.
»Alles gut, Kamerad?« Eine weitere Patrouille hält bei ihm, geht aber weiter, als er den Kopf schüttelt und sie mit den Händen wegwischt, weiterwinkt.
Fünf Minuten sind vergangen, er hat sich jetzt wieder völlig im Griff. Gustav Grüner steht auf, streicht sich die Hose glatt, säubert die Hände an seinem Schnäuztuch, kratzt sich mit dem Taschenmesser die Erdreste aus den Fingernägeln, und wischt sich die Schuhe sauber. Erhobenen Hauptes stolziert er ins Hotel National, sieht sich unbefangen um, als ob er jeden Tag hier ein und ausgehen würde, und wendet sich an die Rezeption.
»Sagen Sie, junger Mann, war dieser Herr, der sich hier eben angemeldet hat, nicht der … na, wie heißt er doch gleich … der …«
Gottlob fällt der Mitarbeiter auf seine plumpe Falle herein und entgegnet: »Sie meinen den Herrn Staatsrat Walter Rupp von der SPD? Ja, das war er. Herr Staatsrat Rupp logiert in unserem Hause, solange die Regierung in Bamberg weilt. Soll ich Sie melden?«
»Nein, nein«, entgegnet Gustav schnell und überspielt sein Erstaunen. »Aber Sie meinen schon den eher kleinen, dickeren Herrn mit dem geröteten Gesicht, dem Schmiss an der Schläfe, braune Haare, kurzer Schnauzer, heller Hut?« Er kann es nicht glauben, will auf Nummer sicher gehen. Rupp? Wieso Rupp? Was soll das? Der Rezeptionist sieht ihn nun genauer an und ist sich offenbar im Unklaren, ob er diese Information überhaupt hätte geben dürfen. »Wer sagten Sie doch gleich, dass Sie sind?«
»Ist schon gut, ich wollte nur sicher gehen, dass es wirklich der Walter Rupp ist. Vielen Dank für die Auskunft.«
Gustav Grüners Abgang ist deutlich weniger souverän als sein gespielter Auftritt, er verpasst die zweite Stufe, strauchelt und fällt direkt in die Arme der Soldaten von vorhin.
»Holla, Kamerad. Gemach, gemach!«
»Schon wieder der! Jetzt wird es mir aber zu bunt. Erst dieses wilde Gerenne und jetzt ist er vor einem Hotel, das Teile der Regierungsmitglieder beherbergt. Und wie der ausschaut! Los, du kommst jetzt mit auf die Wache, das muss geklärt werden. Soldat Schultz, führen Sie ihn ab!«

Als ihn Babette am Abend von der Hauptwache abholt, reden sie kein Wort miteinander. Schweigend gehen sie an den zahlreichen Patrouillen vorüber, an den kleinen Grüppchen von Menschen, die alle paar Meter beisammenstehen und die Köpfe zusammenstecken, wild diskutieren und gestikulieren. Auf den Litfaßsäulen hängen Anschläge der Regierung des Freistaates Bayern, gezeichnet von Ministerpräsident Hoffman, der bekräftigt, dass die nun in Bamberg ansässige mehrheitssozialistische Regierung die einzige Inhaberin der höchsten Gewalt Bayerns sei und ihre Anordnungen und Befehle zu vollziehen seien. Es sei mitnichten wahr, dass die Regierung Hoffmann zurückgetreten sei.
»Ob sie das in München auch so sehen, die Herren von der Räterepublik?«, versucht Babette, das Eis zu brechen.
Als Gustav weiter schweigt, fragt sie: »Was war los heute Mittag? Das war doch mehr als bloß ein Kamerad von damals.«
Erst als sie schon fast die Brauerei erreicht haben, fragt Gustav: »Wie lange hat das Telegraphenamt offen? Ich muss den Hans kontaktieren. Und den Kaspar. Und den Willy. So schnell wie möglich.«

Hans. Kaspar. Willy. Und er. Das geht nur sie etwas an. Der Schwur. Ihr Schwur.

Aus: „1919 – Es ist doch eine neue Zeit jetzt“, Gmeiner-Verlag, Meßkirch 2019, Copyright ebd.